
Im Sommer 2020 reist der Regisseur Franz von Strolchen in einem alten weissen Postbus um den Vierwaldstättersee, um jene Orte zu besuchen, die in der Sage von Wilhelm Tell Erwähnung finden. Gemeinsam mit seinem Team spricht er mit den Bewohnern vor Ort über die «wahren» Helden und Heldinnen von heute. Als Basis für die Recherchearbeit dient Schillers Stück «Wilhelm Tell», dabei wird nach zeitgenössischen Menschen gesucht, heutigen Entsprechungen der Figuren in Schillers Klassiker. Die gesammelten Berichte und Interviews sind zur Grundlage einer «Tell»-Adaption geworden, die den Schweizer Gründungsmythos als eine moderne Vater-Sohn-Beziehung neu erzählt. Der Regisseur lässt die Geschichte in einer Welt spielen, die nicht von Heldinnen und Helden gerettet werden konnte und zugrunde gegangen ist. Auf ihren Trümmern sind Vater und Sohn stets unterwegs, immer in den Süden, um noch ein kleines Stück Hoffnung auf ein besseres Leben zu finden. Verfolgt werden sie sie von der Heldengeschichte ihrer Vergangenheit, in der Tell Gessler getötet hat. Doch wie rechtfertigt man seinem Kind gegenüber einen Mord und erklärt ihm eine Welt, die man selbst nicht mehr versteht? In der Neubearbeitung von Franz von Strolchen wird Walter zu einer Hauptfigur, die mit dem Erbe seines Vaters umgehen muss. Tell selbst wird zu einer Figur mit Fehlern, Widersprüchen und Zweifeln und eignet sich vielleicht gerade deshalb so gut als Identifikationsfigur unserer Zeit. Auf seiner Recherchereise findet von Strolchen aber auch moderne Held*innen, die aktuelle Probleme mit Selbstaufgabe und Hingabe angehen und somit zu starken Figuren werden – und gleichzeitig zum Personal des Schiller-Klassikers umfunktioniert werden.
Inszenierung: Franz von Strolchen, Text: Christian Winkler, Kostüme: Katrin Wolfermann, Bühne: Andrea Cozzi, Video: Jonas Ruppen, Licht: Clemens Gorzella, Musik: Timo Keller, Dramaturgie: Gábor Thury.
Mit: Fritz Fenne, Nicolai Perkmann / Fynn Liam Dettwyler, Christian Baus, Olivia Gräser , Sophie Hottinger, André Willmund.
Premiere am 9. Mai 2021, Luzerner Theater